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Klein, Melanie

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Melanie Klein kam 1882 als Tochter des aus Galizien stammenden jüdischen Arztes Moriz Reizes und seiner Frau Libussa (geb. Deutsch) in Wien zur Welt. Klein wuchs in relativ wohlhabenden Verhältnissen auf, nachdem die Familie eine Phase schwerer finanzieller Belastungen überwunden hatte. Sie erhielt zunächst Privatunterricht und besuchte anschließend ein Wiener Gymnasium, an dem sie 1899 die Matura ablegte. Ihre Kindheit und Jugend waren überschattet vom Tod ihrer älteren Schwester und ihres Bruders Emanuel, zu dem sie ein sehr inniges, inzestuös anmutendes Verhältnis hatte. Die schwere Krankheit und der Tod ihres Vaters im Jahr 1900 machten ihren Wunsch nach einem Medizinstudium zunichte und trugen zu ihrer überstürzt geschlossenen Verlobung mit dem Industrietechniker Arthur Klein bei, den sie 1903 heiratete. 1904 kam ihre Tochter Melitta zur Welt, 1907 und 1914 wurden ihre Söhne Hans und Erich geboren.

Nach der Geburt ihres zweiten Kindes erkrankte Klein an schweren Depressionen, die sich erst nach der Übersiedlung der Familie nach Budapest 1910 und der damit verbundenen Trennung von ihrer tyrannischen und Besitz ergreifenden Mutter besserten. Dort begann Klein 1912 eine psychoanalytische Behandlung bei Sándor Ferenczi, durch den sie auf Freuds Schriften aufmerksam wurde. Ferenczi, der ihre Begabung erkannte, ermutigte sie, eine Analyse ihrer Kinder zu beginnen. Obwohl sich Freuds Theorien über die Ursache neurotischer Erkrankungen, der infantilen Sexualität und des Ödipuskomplexes auf die Analyse der frühen Kindheit stützten, fehlten zu diesem Zeitpunkt genaue und langfristige Beobachtungen von Kindern. Durch ihre Forschungen auf dem Gebiet der Kinderpsychoanalyse und den damit verbundenen neuen Auffassungen zu Behandlungstechnik und Lehranalyse nahm Klein massiven Einfluss auf die Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie und Technik. Schnell begann sie sich auf dem damals neuen Forschungsgebiet zu etablieren und trat dabei als eigenständige Forscherin „selbstbewusst aus der ‚Schar’ der heute weitgehend vergessenen Tanten und Mütter“ (Stephan 1992, 262) der Frühzeit der Psychoanalyse heraus. 1919 wurde sie in die Ungarische Psychoanalytische Gesellschaft aufgenommen und veröffentlichte ein Jahr später ihre erste wissenschaftliche Arbeit unter dem Titel „Der Familienroman in statu nascendi“, dem über weite Strecken die psychoanalytischen Beobachtungen ihrer beiden Söhne zugrunde lagen. 1920 lernte sie den deutschen Psychoanalytiker Karl Abraham kennen, der sich von ihrer Arbeit beeindruckt zeigte und in den folgenden Jahren ein wichtiger Mentor werden sollte. Bei ihm unterzog sich Klein einer zweiten Analyse. 1921 folgte sie Abrahams Angebot und übersiedelte nach Berlin, wo sie sich bald den Ruf einer namhaften Analytikerin erwarb und eine florierende Privatpraxis betrieb. Innerhalb der Berliner Kollegenschaft sah sich Klein jedoch von Beginn an vielen Anfeindungen ausgesetzt, die nach Abrahams Tod 1925 weiter zunahmen. Besonders Sándor Rado, Franz Alexander und Otto Fenichel „taten sich nach Abrahams Tod mit exquisiten Feindseligkeiten aller Art hervor“ (Gast 1999, 74). Klein nahm schließlich die Einladung von Ernest Jones an und übersiedelte 1926 nach London. Dort trug sie wesentlich zum Aufstieg der englischen psychoanalytischen Schule bei und wurde zu einem ebenso dominierenden wie umstrittenen Mitglied der British Psycho-Analytical Society. Melanie Klein starb 1960 im Alter von 78 Jahren in London an den Folgen einer Krebserkrankung.

Melanie Klein war die erste Frau der psychoanalytischen Bewegung, die schulebildend wirkte. Ihr Name ist untrennbar mit der Entwicklung der Kinderpsychoanalyse verbunden. Sie hinterließ ein Werk von ca. 50 Artikeln, ihr vier Bände umfassendes Hauptwerk Die Psychoanalyse des Kindes (1932) wurde in 15 Sprachen übersetzt. In ihrer Einleitung zum Buch thematisierte sie ihre zu Anna Freuds Vorstellungen konträren Theorien zur Kinderanalyse. Der Konflikt zwischen Melanie Klein und Anna Freud hatte bereits Mitte der 1920er-Jahre aufgrund der unterschiedlichen Vorstellungen aber auch persönlichen Rivalitäten der beiden Frauen begonnen und eskalierte, als Anna Freud 1938 ins Londoner Exil flüchtete. Zwar konnte die British Psycho-Analytical Society einen völligen Bruch verhindern, nicht jedoch die tiefe Spaltung in zwei feindliche Lager. Das sog. „Lady´s agreement“ 1946 führte schließlich zur Institutionalisierung des kleinianischen und freudianischen Lagers sowie der „Group of Independents“ als eigenständigen Gruppierungen, die getrennte Ausbildungsrichtlinien entwickelten und in der Tavistock Clinic (Klein) und der Hampstead Child Therapy Clinic (A. Freud) ihre eigenen, abgegrenzten Behandlungszentren einrichteten.

Mit dem Bild, das Klein von der frühen Kindheit zeichnete, stellte sie die Vorstellung von der Kindheit als paradiesischem Zustand noch radikaler in Frage als Sigmund Freud. Die frühe Kindheit bedeutete für sie eine düstere und erschreckende Zeit, in der das Kind angstvolle und destruktive Phantasien erlebt und die äußere Realität als Abbild des eigenen Trieblebens wahrnimmt. Im Unterschied zu Anna Freud unterschied Klein nicht zwischen der psychoanalytischen Behandlung von Kindern und Erwachsenen, da sie glaubte, dass auch Kinder eine Übertragungsneurose entwickeln könnten, sofern eine der Analyse von Erwachsenen adäquate Methode angewandt werde. Dazu entwickelte sie die Technik der Spielanalyse, mittels der sie die Spielhandlungen von Kindern analog zur Traumdeutung analysierte und das kindliche Spiel mit den freien Assoziationen von erwachsenen Patienten und Patientinnen gleichsetzte. Sie beschrieb, wie sich im kindlichen Spiel unbewusste Phantasien, Ängste, Widerstände und Wünsche in symbolischer Form zeigen. Nach Klein müsse die Analyse von Kindern ohne didaktisch-pädagogische Einflussnahme und ohne Einbeziehung der Eltern durchgeführt werden, da das Kind eine eigenständige psychische Entwicklung durchlaufe und eigene Bedürfnisse ausbilde. Für die Kinderanalyse müsste die Technik, jedoch nicht das Behandlungsprinzip modifiziert werden. Das klassische analytische Setting der Erwachsenenanalyse sollte auch in der Kinderanalyse unverändert beibehalten werden und dem Kind durch klare und direkte Interpretationen seiner Spielhandlung, seines Verhaltens und seiner verbalen Äußerungen seine Konflikte begreiflich gemacht werden.

Bereits 1928 hatte Klein mit ihrem Vortrag über die „Frühstadien des Ödipuskonfliktes“ auf dem Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Innsbruck für Aufregung gesorgt, als sie die ödipale Phase bereits in der Säuglingszeit ansetzte, mit der die Strukturierung eines frühen und primitiven Über-Ichs einhergehe. Diese Vorstellung entwickelte sie im Laufe der Jahre weiter zur Theorie der paranoid-schizoiden und der depressiven Position. Sie stellte fest, dass bereits der Säugling über „eine beobachtbare und erklärbare psychische Organisationsstruktur“ (Seubert 2004, 74) verfüge und fähig sei, Objektbeziehungen, Aggressionen (Primärneid) und Widerstände herauszubilden sowie Ängste zu entwickeln. Die fundamentalen psychischen Mechanismen, mit denen der Säugling seine Beziehung zwischen Innen- und Außenwelt reguliert, stellten für Klein die Spaltung und projektive Identifikation dar, die beeinflusst werden „durch die Triebe sowie den Erfahrungen mit der Außenwelt in erster Linie repräsentiert durch die Brust und den Körper der Mutter“ (ebd., 74). Auf der paranoid-schizoiden Position versuche der Säugling mit Hilfe von Spaltungsprozessen sowohl seine sich entwickelnde Psyche als auch die äußere Realität in ein idealisiertes und ein verfolgendes Teil-Objekt zu unterteilen. Klein nahm an, dass das Kind von Geburt an starke libidinöse und aggressive Empfindungen gegenüber der Außenwelt, repräsentiert durch die Mutterbrust, empfinde und die Brust in eine gute und schlechte spalte, um seine paranoiden Ängste durch schizoide Abwehrmechanismen bewältigen zu können. Auf der „depressiven“ Position, die sie zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat ansetzt, versuche der Säugling, die in Partialobjekte aufgespaltenen Bezugspersonen zu einem Gesamtobjekt zu verschmelzen. Ein Prozess, der nur gelingen kann, wenn das idealisierte Objekt vor der Innen- und Außenwelt geschützt werden kann und das Individuum fähig ist, Schuld und Depression zu erleben. Durch seine Angst, das geliebte Objekt zu verlieren, erwächst die Fähigkeit, Liebe zu empfinden und ein gutes Objekt in sich zu verankern. Dies bewirkt eine Stärkung des Ichs und ermöglicht es dem Individuum, Frustrationen zu ertragen, ohne gänzlich seine Liebe zu verlieren. Die Über-Ich-Bildung erfolgt bei Klein also nicht durch die Identifikation mit den Pflegepersonen, sondern aus der Angst vor dem Verlust des Objekts während der Abstillphase. Bei Melanie Klein wird somit „der Kampf zwischen Liebe und Hass, Zuneigungsbedürfnis und Aggression der gleichen Person gegenüber“ zum „Dreh- und Angelpunkt der psychischen Konflikte und ist folglich auch der Ausgangspunkt des Verstehens und Deutens des Psychoanalytikers in der Therapie“ (ebd., 75).

Kleins theoretische Überlegungen wirkten sich auch auf die analytische Behandlungstechnik aus, in welcher der frühkindlichen inneren Objektwelt zentrale Bedeutung zukommt. Diese tritt im Übertragungs-Gegenübertragungsgeschehen zu Tage und wird damit für die Analyse zugänglich. Da Klein ihre Aufmerksamkeit auf die Säuglings- und frühkindliche Entwicklungsphase legt, richtet sich auch in der Übertragung der Fokus auf die sehr frühen Lebenserfahrungen und nicht auf die Wiederholung verdrängter infantiler Sexualkonflikte. Neben den verbalen Äußerungen der Klienten und Klientinnen werden auch die non-verbalen, wie etwa Mimik und Gestik, in die Analyse miteinbezogen. Wie Sigmund Freud betonte auch Klein, dass die vergangenen Erfahrungen der Patienten und Patientinnen, die ihr Alltagsleben bestimmen, in der Übertragungsbeziehung wieder belebt werden müssen. Mit ihren grundlegenden Neuerungen der klassischen psychoanalytischen Theorie entwickelte Klein nicht nur die Kinderpsychoanalyse, sondern auch eine neue Behandlungstechnik und wurde mit ihrer schulebildenden Wirkung zur wohl bedeutendsten Vertreterin der zweiten Generation innerhalb der psychoanalytischen Bewegung.

_Christiane Rothländer _

Bibliografie

Auswahlbibliografie

Primärliteratur

(1920), Der Familienroman in statu nascendi. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 6, S. 151-155.

(1923), Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 9, S. 323-344.

(1928), Frühstadien des Ödipuskonfliktes. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 14, S. 65-77.

(1932), The Psychoanalysis of Children, London.\tdt.: (1934), Die Psychoanalyse des Kindes, Wien.

(1935), A contribution to the psychogenesis of manic-depressive state. In: International Journal of Psychoanalysis 16, pp. 145-174.dt.: (1937), Zur Psychogenese der manisch-depressiver Zustände. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 23, S. 275-305.

(1946), Notes on some schizoid mechanisms. In: International Journal of Psychoanalysis 27, pp. 99-110.

(1957), Envy and Gratitude, New York.

Werkausgaben
(1984-1987), The Writings of Melanie Klein, 4 Vols., ed. by Money-Kyrle, Roger, London.

\t(1985), Love, Guilt and Reparation and Other Works 1921-1945, Vol. 1, London.

\t(1986), The Psycho-Analysis of Children, Vol. 2, London.

\t(1987), Envy and Gratitude and Other Works 1946-1963, Vol. 3, London.

(1984), Narrative of a Child Analysis. The Conduct of the Psycho-Analysis of Children as seen in the Treatment of a Ten-year-old Boy, Vol. 4, London.

(1985), Frühe Schriften 1928-1945, hrsg. von Jochen Stork, Frankfurt a.M.

(1995-2002), Gesammelte Schriften in 4 Bänden und 2 Teilbänden, hrsg. v. Cycon, Ruth/Erb, Hermann, Stuttgart/Bad Canstatt.

Sekundärliteratur

Anderson, Robin (Hrsg.) (1992), Clinical lectures on Klein und Bion, London.

Bott Spillius, Elisabeth (Hrsg.) (1995), Melanie Klein heute. Entwicklungen in Theorie und Praxis, 2 Bde., Stuttgart.

Burgoyne, Bernard/Sullivan, Mary (Eds.) (1997), The Klein-Lacan Dialogues, London.

Caper, Robert (2000), Seelische Wirklichkeit. Von Freud zu Melanie Klein, Stuttgart.

Gast, Lilli (1999), Denkräume zwischen Freud und Klein. Einige rezeptionsgeschichtliche und erkenntnistheoretische Anmerkungen zum Werk Melanie Kleins. In: Werkblatt 42/1, S. 71-95.

Grosskurth, Phyllis (1993), Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk, Stuttgart.

Hinshelwood, Robert D. (1993), Wörterbuch der Kleinianischen Psychoanalyse, Stuttgart.

Hinshelwood, Robert D. (1997), Die Praxis der Kleinianischen Psychoanalyse, Stuttgart.

King, Pearl/Steiner, Riccardo (Hrsg.) (2000), Die Freud/Klein-Kontroverse 1941-1945, 2 Bde., Stuttgart.

Luzifer-Amor 17 (1996), Schwerpunktheft „Melanie Klein“.

Meltzer, Donald (1978), The Kleinian Development, London.

Mitchell, Juliet (Hg.) (1986), Selected Melanie Klein, London.

Riesenberg, Ruth (1977), Das Werk von Melanie Klein. In: Eicke, Dieter (Hrsg.), Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Band III: Freud und die Folgen (II): … bis zur allgemeinärztlichen Psychotherapie, Zürich, S. 210-249.

Sayers, Janet (1991), Mothers of Psychoanalysis, New Yotk/London, pp. 205-257.

Segal, Hanna (2004), Melanie Klein. Eine Einführung in ihr Werk, mit e. Nachw. v. John Steiner, Tübingen (= Perspektiven Kleinianischer Psychoanalyse; 12).

Seubert, Bernhard (2004), Melanie Klein und die Post-Kleinianer. Ein Überblick über die Theorie und Praxis. In: Werkblatt 53/2, S. 73-85.

Stephan, Inge (1992), Die Gründerinnen der Psychoanalyse. Eine Entmythologisierung Sigmund Freuds in zwölf Frauenporträts, Zürich.

Zusammengestellt von Christiane Rothländer

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